Die Geschichte der Allemannia

 

1815: Die Entstehung der Burschenschaften

Nach der Französischen Revolution hatte sich - besonders während der Napoleonischen Kriege - in ganz Europa das Streben nach politischer Freiheit und nationaler Einheit verbreitet. Der Wiener Kongress brachte bis Mitte 1815 jedoch keinen geeinten deutschen Staat mit demokratischer Verfassung, wie es sich viele erhofft hatten. Das deutsche Sprach- und Kulturgebiet blieb vielmehr in zahlreiche verschiedene Fürstentümer aufgeteilt. Die Reaktion der Studentenschaft, die sich aus Enttäuschung stark politisiert hatte, war die Gründung von Burschenschaften an den deutschen Universitäten.

Am 12.6.1815 gründeten Studenten in Jena die erste Burschenschaft. Sie wollten damit an der Universität das schaffen, was sie sich für ganz Deutschland erhofften: die Einheit nach demokratischen Prinzipien. Daher war die Burschenschaft von Anfang an basisdemokratisch organisiert und sollte alle Studenten einer Universität umfassen. Sie löste bei ihrer Gründung andere, bereits bestehende studentische Vereinigungen, beispielsweise die Landsmannschaften, ab. In Heidelberg entstand die erste Burschenschaft im Februar 1817. Als äußerliches Abzeichen trugen die Burschenschaften ein schwarz-rotes, später schwarz-rot-goldenes Band. Die deutschen Nationalfarben haben hier ihren Ursprung.

Folgezeit

In der Folgezeit entwickelten sich - vor allem in Gießen - auch radikal-revolutionäre Strömungen innerhalb der Burschenschaften. Die Ermordung des deutschen Schriftstellers und russischen Generalkonsuls August von Kotzebues durch Karl Sand im Jahre 1819 war Anlass für das Verbot der Burschenschaften und für die sogenannten „Karlsbader Beschlüsse”. Burschenschaftliche Aktivität gab es in den nächsten zwei Jahrzehnten deshalb nur im Untergrund.

Politisch maßgeblich beteiligt waren Burschenschafter danach im

Vormärz 1848

etwa beim Frankfurter Wachensturm und während der Revolution von 1848. Zahlreiche Mitglieder des ersten deutschen Parlaments in der Frankfurter Paulskirche waren Burschenschafter, so etwa Heinrich von Gagern, der erste Präsident der Frankfurter Nationalversammlung.

Als die Burschenschaften in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts wieder in die Öffentlichkeit traten, gab es sehr unterschiedliche Auffassungen, wie ein solches burschenschaftliches Leben zu gestalten sei. Eine Vertretung aller Studenten einer Hochschule waren die Burschenschaften in der Folgezeit jedenfalls nicht mehr. Es wurden vielmehr eine ganze Reihe von burschenschaftlichen Vereinigungen gegründet, die sehr unterschiedliche Ausrichtungen hatten.

1856: Gründung der Burschenschaft Allemannia

Die Burschenschaft Allemannia zu Heidelberg wurde mit Beginn des WS 1856/57 am 7.11.1856 im „Café Boley” an der Alten Brücke gegründet und ist damit die älteste noch bestehende Burschenschaft in Heidelberg. Da die Farben schwarz-rot-gold zu der Zeit verboten waren, wählten die Gründer „Schwarz Weiß Rot” - von unten. Unser Wahlspruch bis heute ist „Einer für Alle - Alle für Einen”.

Seit Dezember 1889 besitzt die Allemannia Heidelberg das Grundstück in der Karlstraße 10 unterhalb des Heidelberger Schlosses. In den Jahren 1912-1913 ersetzte die Allemannia das bestehende Haus durch einen repräsentativen Neubau, der nach den Bedürfnissen einer Studentenverbindung gestaltet wurde.

Kaiserreich, Weimarer Republik und NS-Zeit

Nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 änderte sich die Ausrichtung des Bürgertums in Deutschland. So betonten auch die meisten Burschenschaften insbesondere im Kaiserreich, in der Weimarer Republik und im „Dritten Reich” ihre nationale, und weniger ihre demokratische Tradition. Den Machthabern im Dritten Reich aber waren unabhängige, geistig freie Studenten, die sich unabhängig von jeder Ideologie austauschen konnten, eine Gefahr, die sie nicht dulden konnten. Daher wurde auch die Allemannia - wie alle studentischen Korporationen - zur Selbstauflösung gedrängt, andernfalls man Staatsfeindlichkeit unterstellen müsse.

Die Aktivitas der Allemannia löste sich 1935 auf, der Altherrenverein bestand weiter und war auch weiterhin Eigentümer des Hauses in der Karlstraße. In das studentisch nicht mehr genutzte Haus zog als Mieter 1937 eine nationalsozialistische Kameradschaft ein. Die Kameradschaften sollten nach Vorstellung der Nationalsozialisten die bisherigen Korporationen, also auch die Burschenschaften, ersetzten. Mitglieder dieser Kameradschaft kamen durch das gemeinsam genutzte Haus mit den früheren Mitgliedern der Allemannia in Berührung. Durch diesen Kontakt bedingt regte sich in der Kameradschaft im Allemannenhaus zwischen 1943 und 1945 Widerstand gegen den NS-Studentenbund; insgeheim nahm die Kameradschaft 1944 sogar die Statuten der alten Allemannia sinngemäß an. Die Kameradschaft hörte mit Ende des Dritten Reiches auf zu existieren.

Wiederbegründung 1949

Nach der Befreiung 1945 und der Gründung der Bundesrepublik wurde zum Sommersemester 1949, am 20.05, der aktive Bundesbetrieb wieder aufgenommen. Zu Beginn des Wintersemesters 1953/54 wurde das von den Amerikanern besetzte Haus der Allemannia zurückgegeben.

Die Allemannia heute

Die Ideen der „Urburschenschafter” leben heute genauso weiter wie das „Ehre, Freiheit Vaterland” von 1815. Wir verstehen unter „Ehre” keinen Dünkel, sondern Zivilcourage, wir verstehen unter „Vaterland” längst nicht mehr nur Deutschland, sondern auch Europa. Unsere Verbindung ist parteipolitisch sowie konfessionell ungebunden. Alle Generationen haben sich mit den Ideen der Zeit auseinanderzusetzen und bestimmen damit gemeinsam den Weg unseres Lebensbundes für die Zukunft. 

Die Burschenschaft Allemannia Heidelberg ist Mitbegründer und Mitglied des Süddeutschen Kartells. Den Dachverband „Deutsche Burschenschaft” (DB) verließen wir im Jahre 1976, weil wir einen anerkannten Kriegsdienstverweigerer als Mitglied aufgenommen hatten, was vom Verband der DB zu dieser Zeit nicht toleriert wurde.